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Neues Manuskript von Robert Walser
Die Robert Walser-Stiftung Bern hat ein bislang unzugängliches Manuskript erwerben können. Der Titel der Handschrift lautet buchstäblich: »Neues«. Vom Robert Walser-Zentrum wird sie für die Öffentlichkeit und Forschung bereitgestellt.
Der Schriftsteller Robert Walser (1878–1956), geboren in Biel, lebte seit 1921 in Bern. Um Geld zu verdienen, schrieb er zahlreiche Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften. An den Herausgeber der Zeitschrift Der neue Merkur sandte er 1921 den Beitrag »Neues«. Der Text wurde damals nicht abgedruckt. Das Manuskript befand sich in wechselndem Privatbesitz und war nicht zugänglich.
»Für die Forschung und die Öffentlichkeit ermöglicht die Erwerbung wertvolle Erkenntnisse«, so Marcel Lepper, der Leiter des Robert Walser-Zentrums. »Das Manuskript zeigt Walser als präzisen Akteur und Beobachter. Zugleich veranschaulicht es, wie lebendig und fragil das Zeitschriftennetzwerk der 1920er Jahre war.«
Original und Rückseite
Publiziert wurde der Text aufgrund begrenzter Quellenlage vor Jahrzehnten von dem Walser-Forscher Jochen Greven. Er verwies auf einen Besitzer in Liestal, der ihm den Abdruck ermöglicht habe. Die originale Handschrift, die von der Robert Walser-Stiftung nun erworben werden konnte, erlaubt die genauere Rekonstruktion. Auf der Rückseite des dritten Blatts schreibt Walser an den Herausgeber der Zeitschrift Der neue Merkur:
»Lieber Herr Frisch, wenn Sie dieses hier bringen können, so soll’s mich freuen. Mit bestem Gruß / Robert Walser / Bern, / Manuelstraße 72.«
Den Titel des Stücks hat Walser immer wieder durchgestrichen. Zuerst lautete er: »Was ich erlebt habe«, »Erlebtes«, »Neuigkei[ten]«. Der Prosatext beginnt mit den Zeilen:
»Ein Mädchen ließ mich wissen, sie säh mich gern glücklich, die zarte Seele!«
Ist es der Autor Robert Walser, der da spricht? Über biographische Fehlschlüsse heisst es später:
»Schrieb nicht ein leidenschaftlicher Mensch zart-sittsame Prosa und ein trockener Mensch einen leidenschaftlichen Roman? Man verstellt sich gern!«
Der neue Merkur und sein Herausgeber
Der Herausgeber der Monatsschrift Der neue Merkur, der Schriftsteller Efraim Frisch, geboren 1873, kam aus Stryj. Die Stadt liegt in der heutigen Westukraine. Nach einer abgebrochenen Rabbinerausbildung studierte Frisch in Wien und Berlin. In München etablierte er seine Zeitschrift. Der neue Merkur erschien in unregelmässiger Folge zwischen 1914 und 1925.
In der Zeitschrift Der neue Merkur sind prominente Namen der literarischen und philosophischen Moderne vertreten: Lou Andreas-Salomé, Ernst Bloch, Martin Buber, Alfred Döblin, Annette Kolb, Heinrich Mann, Thomas Mann, Christian Morgenstern, Frank Wedekind, Regina Ullmann – und Robert Walser. Dieser ist trotz zwischenzeitlicher Auseinandersetzungen vom ersten bis zum letzten Jahrgang mit Beiträgen präsent, darunter Sebastian (1914), Reisebeschreibung (1915) und Schreiben an ein Mädchen (1920).
Der Weg des Manuskripts
Schon zu Walsers Lebzeiten wurden Briefe und Manuskripte auf dem Autographenmarkt angeboten. Der Weg des lange unzugänglichen Manuskripts »Neues« ist besonders komplex. 1925 wurde die Zeitschrift Der neue Merkur eingestellt. 1933 floh Efraim Frisch vor dem NS-Terror in die Schweiz. Robert Walser kam im gleichen Jahr in die Heilanstalt Herisau.
1942 starb Frisch in Ascona. Am 3. November 1943 fand in Zürich eine Auktion statt, an der das dortige Antiquariat Schumann sowie das Genfer Antiquariat Kundig beteiligt waren. Unter der Nr. 93 verzeichnet der Zürcher Auktionskatalog vom 3. November 1943 das Walser-Manuskript »Neues«.
Der Besitzer, auf den Jochen Greven in seiner Walser-Ausgabe 1966 verwies, war der Antiquar Mario Uzielli (1888–1973). Er hatte in Frankfurt am Main eine Kunsthandlung betrieben und war, eingestuft als sogenannter »Halbjude«, verheiratet mit einer Jüdin, 1938 in die Schweiz emigriert. Gezwungen, sich von seinem Frankfurter Bestand zu trennen, hatte er in Liestal seine Tätigkeit wieder aufgenommen.
1976 wurde das Stück in einer Auktion der Berliner Autographenhandlung Stargardt wieder verkauft. Von da gelangte es 1978 beinahe in die Jubiläumsausstellung zum 100. Geburtstag von Walser im Zürcher Helmhaus. Schliesslich wechselte es 2010 und 2017 nochmals die Besitzerschaft, bis es jüngst von der Robert Walser-Stiftung gesichert werden konnte.
Zu den Forschungsaufgaben gehört die Rekonstruktion der Provenienz, des Wegs, den das Walser-Manuskript seit 1921 von Bern aus zurückgelegt hat, bevor es über zahlreiche Zwischenstationen 2026 zurück nach Bern kam.
Aufgaben der Stiftung und des Zentrums
Die Robert Walser-Stiftung widmet sich der Erforschung und Vermittlung der Werke von Robert Walser. Im Suhrkamp Verlag entsteht die Berner Ausgabe. Das von der Stiftung getragene Zentrum arbeitet im Rahmen des Berner Modells erfolgreich mit dem Schweizerischen Literaturarchiv zusammen.
Auf dem Autographenmarkt sind immer wieder Handschriften und Briefe von Robert Walser zu entdecken. Die Robert Walser-Stiftung begreift die Sicherung der Überlieferung für Forschung und Öffentlichkeit als Kernaufgabe ihrer Sammeltätigkeit. Im Herbst wird die Neuerwerbung im Robert Walser-Zentrum vorgestellt.
Für Sommerreisende und Interessierte stellt das Zentrum eine digitale Karte zur Verfügung: zur Erkundung der verschiedenen Orte in Bern, an denen Robert Walser gewohnt hat.
Dort findet sich auch die Manuelstrasse 72, Walsers Adresse Ende des Jahres 1921.
Kontakt
Robert Walser-Zentrum – Leitung: Prof. Dr. Marcel Lepper – marcel.lepper@robertwalser.ch
Abbildung
Robert Walser: »Neues«. © Robert Walser-Stiftung Bern.